ISBN 978-3-934377-24-0, 325 S. 3 Abbildungen. kartoniert. EUR 18.-
Auszüge aus Besprechungen von "Umwelt, Macht und Medizin"
"Karl-Rainer Fabig (1943-2005) war als Umweltmediziner ein, wenn nicht/
der /wissenschaftliche Pionier auf dem Gebiet der Wirkungsweise von
Giftstoffen. Der vorliegende Sammelband enthält zunächst seine fünf
letzten Veröffentlichungen, in denen er seine Erkenntnisse über die
Zusammenhänge von Umweltgiften, Medizin und Macht zur Diskussion stellt,
geleitet von seinem aus Adornos/ Negativer Dialektik /übernommenen
philosophischen Motto: 'Leiden beredt werden zu lassen, ist Bedingung
aller Wahrheit'. [...] Dieser Sammelband hebt sich von sonst üblichen
Würdigungen eines Lebenswerks dadurch ab, dass er auch die
wissenschaftlichen Zusammenhänge über Chemikalien und deren Wirkungen
für alle gut verständlich aufzeigt und dadurch zur generellen Erkenntnis
beitragen kann, dass das 'uns alle' angeht und dass politisch dringender
Handlungsbedarf besteht."
Pia Paust-Lassen in Das Argument 276, 2008
"Seine ärztlichen Erfahrungen führten Fabig zu der Annahme, dass die
Empfindlichkeiten von Menschen gegenüber chemischen Substanzen vor allem
durch die unterschiedliche Entgiftungskapazität mittels bestimmter
Enzyme bedingt seien. Er untersuchte dazu die genetische Disposition von
etwa 600 Patienten mit unterschiedlichen Sensibilitäten gegenüber
Alltags-Chemikalien [...]. Fehlten die Gene, die für die Ausprägung von
drei an der Entgiftung beteiligten Enzymen verantwortlich sind, war die
Sensibilität am größten. Fabig zog daraus den Schluß, dass die in
Jahrmillionen bewährte Vielgestaltigkeit des für die Entgiftung
zuständigen Fremdstoffwechsels bei immer mehr Menschen - und anderen
Lebewesen - mit der zunehmenden Chemisierung der Umwelt nicht mehr
verträglich ist."
Karl Otto Henseling in Forum Wissenschaft 25/3, 2008
"[...] Karl-Rainer Fabig (1943-2005) hat nicht nur als niedergelassener Arzt
von 1977 bis 2005 in Hamburg gewirkt und sich dabei "in einer geradezu aufopfernden
Weise" (Prof. Dr. Manz) um Patientinnen und Patienten gekümmert, die unter den Folgen
chemischer Intoxinationen durch Holzschutzmittel in Innenräumen oder durch Dioxin am
Arbeitsplatz sowie unter dem Multiplen Chemikalien-Sensitivitäts-Syndrom (MCS) litten.
Er hat darüber hinaus "wesentlich zur Anerkennung und Weiterentwicklung der
Umweltmedizin" (Dr. zum Winkel) beigetragen und hat sich als Gutachter in den
Aufsehen erregenden Vorfällen um den Frankfurter Holzschutzmittelprozess und um die
Schließung des Zweigwerks Hamburg-Moorfleet der Firma C.H. Boehringer Sohn wegen der
Gefährdung der Mitarbeiter durch Dioxin einen Namen gemacht. Seine kritische
Aufmerksamkeit galt zudem auch den schweren gesundheitlichen Schäden und Spätfolgen,
die durch die Versprühung dioxinhaltiger Herbizide ("Agent Orange") zur Entlaubung
des Dschungels während des Vietnamkrieges hervorgerufen wurden, hatte er doch schon
früh Ähnlichkeiten in den Krankheitsbildern dioxingeschädigter Chemiearbeiter und der
betroffenen Bevölkerung Vietnams analysiert.
Der Band besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil sind einige sonst schwer zugängliche
Beiträge Fabigs zur Umweltmedizin veröffentlicht. Dem Arzt und Umweltmediziner sowie
dem engagierten Gutachter und dem Kritiker des Vietnamkrieges sind die zahlreichen
Beiträge, die im zweiten Teil des Bandes vereinigt sind, gewidmet. Die Spannweite
der Themen ist dabei ebenso weit gefächert wie das Spektrum der Autorinnen und
Autoren; es reicht von der Medizin und den Naturwissenschaften über Jurisprudenz
und Politik bis zu den Sozialwissenschaften. Aus Hamburger Perspektive ist das
ausführliche Interview mit dem Arbeitsmediziner Prof. Manz zu den Folgen der
Dioxinvergiftung bei ehemaligen Boehringer-Mitarbeitern besonders interessant.
Mehrere Beiträge setzen sich kritisch mit den Umweltschäden und den gesundheitlichen
Folgen für die Bevölkerung in Form von Krebs, Missbildungen und Erbgutschäden
auseinander, die durch die während des Krieges über Vietnam versprühten dioxinhaltigen
Herbizide hervorgerufen wurden und die bis heute fortwirken. Andere Beiträge behandeln
die politischen, haftungs- oder sozialrechtlichen Probleme beim Umgang mit den Folgen
gesundheitlicher Gefährdungen durch chemische Intoxinationen in der Umwelt und am
Arbeitsplatz. Zum Schluss widmen sich mehrere Beiträge der Theorie und Praxis
kritischer Wissenschaft im Hinblick auf das Verständnis der Zusammenhänge von Natur,
Mensch und Gesellschaft und nehmen darin Bezug auf die von Fabig realisierte Einheit
von wissenschaftlicher, praktischer und theoretischer Kritik gestörter
Stoffwechselkreisläufe, wie z.B. Tjaden/Tjaden-Steinhauer betonen.
Dem lesenswerten Band, durch den dem Arzt und Umweltmediziner Karl-Rainer Fabig
"nachträglich ein ehrendes Denkmal gesetzt wird" (Prof. Manz), ist [...] besondere
Aufmerksamkeit zu wünschen."
Alfred Oppolzer in "Stadtpunkte, Aktuelle Informationen der HAG zur
Gesundheitsförderung in Hamburg", 4/2007
"Der Band ist dem Umweltmediziner Karl-Rainer Fabig (1943-2005) gewidmet, der
von 1977 bis 2005 in Hamburg als niedergelassener Arzt gewirkt hat, und der sich
darüber hinaus große Verdienste um die Thematisierung und Erforschung chemischer
Intoxinationen erworben hat. Er gilt als einer der Pioniere der Untersuchung
gesundheitlicher Gefährdungen in Folge von Intoxinationen durch Holzschutzmittel
in Innenräumen und an Arbeitsplätzen in der chlorchemischen Industrie ebenso wie
durch die Versprühung von Herbiziden im Vietnamkrieg und durch Dioxin in der Umwelt.
Die im ersten Teil des Bandes zusammengestellten Beiträge Fabigs zu diesen Themen
belegen eindrucksvoll, dass er diese Fragen nicht allein aus wissenschaftlichem
Interesse verfolgte, sondern dass er mit persönlichem Engagement auch den
politisch-gesellschaftlichen Ursachen den Gefahren einer "Vergiftung der Welt" durch
die "Chemisierung der Umwelt" nachging. Fabig beeindruckte offenbar nicht nur durch
seine wissenschaftlichen Arbeiten und seinen persönlichen Mut, den er z.B. im Auftreten
als Gutachter vor Gerichten und auf Tagungen immer wieder unter Beweis stellte, er
konnte, den Aussagen in vielen Beiträgen dieses Sammelbandes zu Folge, auch als
aufmerksamer Arzt überzeugen, der die Leiden tausender von Patienten zu lindern
vermochte, darunter nicht zuletzt jene, die unter dem Multiplen
Chemikalien-Sensitivitäts-Syndrom (MCS) litten.
Der Epidemiologe Rainer Frentzel-Beyme stellt in seinem Beitrag Fabig in eine Reihe
mit den "klassischen Sozialmedizinern und Armenärzten der Weimarer Republik" (S. 145).
Der Vorsitzende des Ausschusses Umweltmedizin der Ärztekammer Hamburg, Albrecht zum
Winkel, betont in seinem Geleitwort unter anderem die wesentliche Rolle, die Fabig
"für die Anerkennung und Weiterentwicklung der Umweltmedizin" gehabt habe und betont,
dass er "wesentlich zur wissenschaftlichen Basis der Faches Umweltmedizin beigetragen"
habe (S. 8). Der Hamburger Arbeitsmediziner Alfred Manz charakterisiert in einem
Interview Karl-Rainer Fabig, mit dem er in Zusammenhang mit dem Boehringer-Skandal
in Kontakt gekommen war: "Ich hatte festgestellt, dass sich dieser Arzt in einer
geradezu aufopfernden Weise speziell um die durch Dioxine, aber auch durch andere
Industriegifte geschädigten Menschen kümmerte. Er leistete diesen Beistand meist
unentgeltlich und über die von einem praktischen Arzt zu erwartenden Hilfen hinaus.
Dabei verfügte er über ein gediegenes Fachwissen über die bei solchen Vergiftungen
ablaufenden pathophysiologischen Vorgänge. Insgesamt verkörperte er damit das Idealbild
eines Arztes. Viele der ehemaligen Boehringer-Mitarbeiter fanden hier ihre seelische
Hilfe und gewannen durch seinen Beistand wieder Selbstvertrauen und mut zum
Leben. (...) Ich bedaure, dass ihm zu Lebzeiten von offizieller Seite nicht jene
Anerkennung zuteil wurde, die er verdient hätte. (...) Ich begrüße es deswegen ganz
besonders, dass Herrn Kollegen Fabig mit diesem Buch nachträglich ein ehrendes Denkmal
gesetzt wird." (S. 196 f.)
Der Band, der sich mit dem ärztlichen, wissenschaftlichen und politischen Handeln
Karl-Rainer Fabigs beschäftigt, lässt sich in zwei Teile gliedern. Im ersten Teil
finden sich fünf zentrale Veröffentlichungen bzw. Vorträge von Karl-Rainer Fabig
aus den letzten Jahren sowie ein Verzeichnis seiner Schriften und einige biographische
Notizen (von Günter Giesenfeld). Der zweite Teil beinhaltet zahlreiche Beiträge, die
in ihrer inhaltlichen Ausrichtung im Wesentlichen die verschiedenen Arbeitsschwerpunkte
Fabigs reflektieren. Die Spannweite der Themen ist dabei ebenso weit gefächert wie das
Spektrum der Autorinnen und Autoren, es reicht von der Medizin und den
Naturwissenschaften über Jurisprudenz und Politik bis zu den Sozialwissenschaften.
Eine erste Gruppe von Beiträgen befasst sich mit Fabigs medizinischen Untersuchungen
zur neurotoxikologischen Kontamination auf Grund von Innenraum- und
Arbeitsplatzbelastungen sowie zur Multiplen Chemikalien-Sensitivität (MCS).
Interessant im Hinblick auf das politisch-gesellschaftliche Spannungsfeld, innerhalb
dessen sich die Thematisierung solcher Probleme bewegt, sind zum einen das Interview
mit ehemaligen Beschäftigten des Zweigwerks Hamburg-Moorfleet der Firma C.H.
Boehringer Sohn, das 1984 geschlossen wurde, nachdem die gesundheitlichen Schädigungen
durch Dioxin bei der Herstellung von Insektiziden und Herbiziden bekannt und in der
Öffentlichkeit zum Skandal geworden waren und zum anderen das Interview mit dem
Arbeitsmediziner Prof. Dr. Manz, der 1987 im Auftrag des Hamburger Senats die
Beratungsstelle für die ehemaligen Mitarbeiter dieses Werkes aufgebaut hatte und
anschließend eine ganze Reihe von einschlägigen Untersuchungen durchgeführt hat.
Eine zweite Gruppe von Beiträgen befasst sich mit den Wirkungen der dioxinhaltigen
Herbizide, die während des Vietnamkrieges von den US-Streitkräften in Vietnam in der
Absicht versprüht wurden, die dichte Vegetation des Dschungels zu zerstören, um dem
Gegner die Deckung zu nehmen und ihn besser treffen zu können. Durch diesen Angriff
auf die Ökosysteme Vietnams ("Ökozid") wurde indes nicht nur der Anbau von Reis,
Kokos und Gemüse vielfach zerstört, sondern es kam darüber hinaus zu akuten
Gesundheitsschäden bei der betroffenen Bevölkerung sowie zu schweren gesundheitlichen
Spätfolgen z.B. in Form von Krebs, Missbildungen und Erbgutschäden. Diese Fragen
werden durch mehrere kritische Beiträge in dem Band aus medizinischer und biologischer
sowie aus rechtlicher und politischer Perspektive exemplarisch thematisiert. Fabig
hatte schon früh die Ähnlichkeiten zwischen den neurologischen und neuropsychologischen
Krankheitsbildern dioxingeschädigter Chemiearbeiter und der in Folge der in Vietnam
versprühten Giftstoffe erkrankten Betroffenen analysiert und diese Folgen des
Vietnamkrieges in zahlreichen Vorträgen und Kommentaren kritisiert.
Die dritte Gruppe von Beiträgen des Sammelbandes behandelt die juristischen und
politischen Probleme beim Umgang mit den Folgen gesundheitlicher Gefährdungen
durch chemische Intoxinationen. Interessant ist in diesem Zusammenhang z.B. der
Beitrag des Bundestagsabgeordneten Horst Peter über die parlamentarische Diskussion
einer Petition zu den Folgen eines Dioxinunfalls in einem chemischen Betrieb.
Eindrucksvoll ist auch der Beitrag des federführenden Staatsanwalts Erich Schöndorf
in dem Aufsehen erregenden Frankfurter Holzschutzmittelprozess, der nicht nur die
mutige Rolle Fabigs als Gutachter würdigt, sondern der vor allem auf die
Schwierigkeiten der Justiz eingeht, den geschädigten Betroffenen "gerecht" zu werden.
Die Situation der Betroffenen schildert eindringlich der Beitrag von Peter Binz,
der die Probleme einer vielfach unzureichenden sozialrechtlichen Würdigung der
existenziellen Bedrohungen, die von gesundheitlichen Schädigungen durch giftige
Stoffe am Arbeitsplatz ausgehen, an bedrückenden Fallbeispielen beklagt.
Schließlich widmen sich mehrere Beiträge der Theorie und Praxis kritischer
Wissenschaft im Hinblick auf das Verständnis der Zusammenhänge von Natur, Mensch und
Gesellschaft und nehmen darin Bezug auf die von Fabig realisierte Einheit von
wissenschaftlicher, praktischer und theoretischer Kritik gestörter
Stoffwechselkreisläufe sowie auf Überlegungen zu einer Kritik der "Nichtangemessenheit
gesellschaftlicher Verhältnisse bezüglich grundlegender Selbsterhaltungsbedürfnisse"
(Tjaden) von Mensch und außermenschlicher Natur. Dazu gehören der Beitrag von Antje
Bultmann mit seinem Plädoyer für eine "transparente und lebensfreundliche Wissenschaft
und Technik" ebenso wie die Hinweise von Rolf Czeskleba-Dupont auf die Bedeutung
Fabigs im Rahmen neuerer Ansätze einer "post normal science" im europäischen Verbund
sowie insbesondere die Überlegungen von Margarete Tjaden-Steinhauer und Karl Hermann
Tjaden, die am Beispiel der Problematik toxischer Chemikalien einen interdisziplinären
Bezugsrahmen für das Verständnis der Wechselwirkungen und Zusammenhänge zwischen
"menschlichen Lebenswelten, außermenschlicher Natur und gesellschaftlichen
Verfügungsgewalten" skizzieren, auf den Karl-Rainer Fabig in seinen letzten
Vorträgen ausdrücklich Bezug nahm.
Dem überaus lesenswerten und gut lesbaren Band, der eine Fülle von Beiträgen
kritischer Wissenschaft und Praxis vereinigt, ist eine möglichst weite Verbreitung
zu wünschen. [...]
Alfred Oppolzer in "Gesunde Arbeit info", Dezember 2004
"Das Buch ist eine Hommage an Karl-Rainer Fabig, den Hamburger Arzt und
Umweltmediziner, der 2005 plötzlich im Alter von 61 Jahren verstarb. Fabig war Arzt
aus Berufung, ein Pionier der Umweltmedizin und ein Philanthrop. Er engagierte sich
in der medizinischen Praxis und Wissenschaft sowie als politischer Zeitgenosse.
Solidarisch und couragiert setzte er sich unermüdlich für Umweltkranke ein, auch
weit über Hamburgs Grenzen hinaus. [...] Freunde und Mitstreiter von Karl-Rainer
Fabig würdigen mit der vorliegenden Textsammlung sein Lebenswerk. Faktenreich
schildern Fabig selbst und medizinische Kollegen sowie andere Naturwissenschaftler,
Juristen, Soziologen, politisch Aktive und Patienten den Umwelt-Sachstand. [...]
Somit ist das Buch nicht nur ein Angedenken an Karl-Rainer Fabig, sondern auch ein
Zeitdokument von hohem gesellschaftspolitischen Wert. Es ist ein Zeugnis dafür, wie
sich die industrielle Giftproduktion im Dienste des Fortschritts vielfach zum
geheiligten Mittel von Macht- und Profitgier entwickelt hat. [...] Vielfältig und
detailliert präsentieren die Autoren das Umweltthema, so dass es auch für Sachkundige
noch Neues zu entdecken gibt. Die Texte sind schnörkellos, frei von Larmoyanz, keine
Streitschrift, sondern sachliche Dokumentation und in dieser Schlichtheit besonders
eindringlich und von emotionaler Kraft. Ein leises Buch, das mit aller Macht die
Trommel rührt."
Regina Nowack in "umwelt-medizin-gesellschaft" 2/2007
"Das Buch enthält 30 Einzelaufsätze. [...] Das thematisch Verbindende der
Aufsätze ist die Beeinträchtigung beziehungsweise die Verschmutzung von Menschen und
Umwelt durch den zivilen und militärischen Einsatz von chemischen und radioaktiven
Stoffen. Drei Themengebiete zu dieser Problematik prägen das Buch. Die Versprühung
von Herbiziden zwischen 1961 und 1969 über Vietnam mit ihren bis heute nachwirkenden
Folgen auf die Menschen, [...] die Auswirkungen von Giftstoffen am Arbeitsplatz, zum
Beispiel die Auswirkungen von Unfällen in Chemieunternehmen und die Kontamination mit
Dioxin [...]. Ein dritter Aspekt behandelt das Fabigsche Arbeitsgebiet Multiple
Chemikaliensensitivität und Umweltmedizin. [...] Abgerundet wird der Band durch
Beiträge, die den Zusammenhang von Mensch, Umwelt, Medizin und Macht beleuchten.
[...] Die Eindringlichkeit des Buches entspringt nicht allein der Bandbreite der
Aufsätze und der Kompetenz der einzelnen Beträge. Das Verbindende ist die Orientierung
an einem beispielhaften Menschenleben, das viel zu kurz war. [...]"
Stefan Kühner in "Vietnam Kurier" 2/2007
"Erich Schöndorf, als Staatsanwalt Ankläger im damals berühmten Frankfurter
Holzschutzmittel-Prozeß, hofft auf eine Zeit, in der man Straßen und Plätze nach
dem heute weitgehend unbekannten Arzt Karl-Rainer Fabig (1943-2005) benennen werde.
Die Vision ist kühn [...]. Man wird sich auf Emailleschilder für Gerhard Schröder
und Joseph Fischer einstellen müssen. Aber Fabig? Auskunft über diesen Arzt gibt
ein Band, der nicht in erster Linie biographisches Interesse beansprucht, sondern
über einige beunruhigende stoffliche Aspekte kapitalistischer Entwicklung informiert.
[...]
Zunächst zur Person: Fabig, in einem hessischen Dorf geboren und aufgewachsen,
studierte Medizin, war in Hamburg SDS-Vorsitzender, arbeitete nach dem Examen im
Krankenhaus St. Georg und übernahm dann 1977 eine Praxis, die er bis zu seinem Tod
führte. Karriere: keine. Selbst zu einer Promotion hatte er offenbar keine Lust.
Stattdessen hat er - anders als seine Kollegen, die während ihres Examens eine
Reihenuntersuchung auswerten und dafür einen Doktortitel bekommen - sein Leben lang
geforscht.
Der Sieg im Volkskrieg war längst abgefeiert, als in den späten siebziger Jahren die
Folgen der US-amerikanischen Entlaubungsaktionen mit dem Herbizid Agent Orange für
die Gesundheit der Bevölkerung größere Aufmerksamkeit erregten. [...] Fabig, in der
Vietnam-Solidarität aktiv, sah die Opfer vor Ort: Mißbildungen. Ende der siebziger
Jahre eskalierte der Hamburger Giftmüll- und Dioxinskandal, in dem die Pestizidfabrik
Boehringer eine wichtige Rolle spielte. Fabig stand Arbeitern dieses Betriebes, der
1984 geschlossen werden mußte, als Arzt und als Gutachter bei. 1984 erstattete eine
Interessengemeinschaft der Holzschutzmittel-Geschädigten Strafanzeige gegen Unbekannt
wegen "Körperverletzung in Zusammenhang mit der Herstellung und dem Vertrieb toxischer
Holzschutzmittel". Karl-Rainer Fabig war auch hier Gutachter.
In seiner Praxis führte er mit Patientinnen und Patienten eine umfängliche Befragung
zur Belastung durch Alltagschemikalien durch [...]. Die Auswertung gab Aufschluß über
die schädlichen Wirkungen verschiedener Stoffgruppen und von Gegenständen des täglichen
Gebrauchs. [...] In seinen Untersuchungen kam Fabig zu folgenden Ergebnissen: Erstens:
Wenn mehrere schädliche Substanzen auf einen menschlichen Organismus einwirken, kann
dieser auch dann chronisch erkranken, wenn das Vorhandensein jedes einzelnen Stoffes
unterhalb des für diesen jeweils festgesetzten Grenzwerts liegt: Multiple Chemical
Sensitvity (MCS). Zweites: Daß Menschen tatsächlich verschieden auf die gleichen
Chemikalien reagieren, liegt an ihrer jeweiligen genetischen Ausstattung. Einige
entgiften schnell, andere langsam oder nie. [...]
Bei einigen Linken war Fabig zeitweilig gar nicht gut gelitten, denn allein die
Beschäftigung mit Genetik erschien ihnen suspekt. Fabig war Fachmann, aber kein
Fachidiot. Seine Ergebnisse verwiesen ihn tatsächlich auf die Gesellschaft. Wie
mancher gute Naturwissenschaftler traute er - wohl in einer Art Projektion - den
Wissenschaften, die sich mit dieser befassen, die gleiche Leistungsfähigkeit zu
wie seiner eigenen Arbeit. Er zeigte damit implizit, was zu tun sein wird, falls
sie irgendwann einmal ihre vorkopernikanische Phase überwinden sollten."
Georg Fülberth in "Konkret" 10/2007
"Welche Funktionen können einem solchen Sammelwerk zukommen, das bei aller
Vielfalt seiner Beiträge doch einen einheitlichen Blickpunkt hat, nämlich das
praktische und theoretische Problem der modernen Vergiftung der Lebenswelt? Wir
denken und hoffen, dass das Buch drei nützliche Zwecke erfüllen kann. Erstens
könnte es dazu beitragen, das Selbstbewusstsein, den Gedankenaustausch und die
wechselseitige Hilfestellung von Menschen, die unter chemikalienassoziierten
Krankheiten leiden, über die schon entwickelten vielfältigen Vernetzungswirkungen
hinaus weiter zu fördern; und vor allem könnte es mithelfen, endlich die öffentliche
Anerkennung dieser Leiden als gesellschaftlich erzeugte und zu verantwortende Übel
zu erringen. Nicht zuletzt wäre dafür auch hilfreich, wenn das Buch - zweitens -
dahingehend Wirkungen entfalten könnte, das immer noch herrschende gesellschaftliche
Bewußtsein infrage zu stellen, das sog. Wirtschaftswachstum sei schließlich ohne
gravierende destruktive stofflich-energetische Effekte machbar. Anders gesagt, wenn
es die Einsicht fördern würde, dass es der gesellschaftlichen Wohlfahrt willen eines
systematischen Rückbaus der schadstoffträchtigen Installationen und der
schadstoffhaltigen Artefakte unserer Wirtschaftsweise bedarf, wenn die vorhandenen
Umwelt- und Gesundheitsgefahren eingedämmt werden sollen - was freilich nicht nur
und vielleicht noch nicht einmal in erster Linie deshalb extrem schwierig ist, weil
hier Kapitalinteressen tangiert werden, sondern auch und nicht zuletzt wegen des
Weiterwirkens bereits akkumulierter Altlasten und bereits erfolgter Verwüstungen
unserer Lebenswelt. Drittens könnte sich dieses Buch - und das wäre zu wünschen -
dadurch als nützlich erweisen, dass es Gesellschafts-, Wirtschafts- und
Geisteswissenschaftler/innen darauf aufmerksam macht, dass die Welt, in der wir
leben. unsere Erde ist, deren Natur wir samt unserer Geistestätigkeit angehören.
Deshalb müssen auch die Gegenstände unserer Wissenschaften und unser
wissenschaftliches Nachdenken über diese Welt ohne Beachtung ihrer natürlichen
(somit auch ihrer stofflichen) Beschaffenheiten und Bedingungen abstrakt bleiben.
[...]"
Margarete Tjaden-Steinhauer/Karl Hermann Tjaden in "Forum Wissenschaft"
2/2007
Weitere Informationen:
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