Fabig

 

Anita Fabig und Kathrin Otte (Hrsg.)

Umwelt, Macht und Medizin

Zur Würdigung des Lebenswerks von Karl-Rainer Fabig

Die Kontamination von Menschen und Umwelt durch den zivilen und militärischen Einsatz vor allem von chemischen und radioaktiven Stoffen ist im 20. Jahrhundert zu einem drängenden Problem geworden. Unfälle und normale Arbeitsplatzbelastungen in der chlorchemischen Industrie, die Folgen der Versprühung von Herbiziden im Vietnamkrieg, Innenraumbelastungen durch Holzschutzmittel und andere Chemikalien, Gesundheitsschäden bei besonderer physischer Chemikaliensensitivität sind Aspekte dieses Problems.

Mit Effekten entsprechender Expositionen hatten viele der Menschen zu tun, die Karl-Rainer Fabig, der 2005 verstorbene Umweltmediziner, seit Ende der siebziger Jahre in seiner Hamburger Arztpraxis behandelt hat. Er engagierte sich darüber hinaus in der medizinischen Erforschung chemischer Intoxikationen, wirkte an ihrer rechtlichen Verfolgung mit und übte politische Solidarität mit Leidtragenden, die durch die Ausbringung und Ausbreitung chemischer Stoffe geschädigt worden sind.

Zu solchen Intoxikationsproblemen kommen hier zu Wort: Netzwerke von Patient/inn/en und Interessenvertreter ehemaliger Chemiewerker, Umweltmediziner, Arbeitsmediziner, Toxikologen, Molekulargenetiker, Neurologen, Epidemiologen, Umweltrechtler, Völkerrechtler, Natur- und Sozialwissenschaftler diverser Disziplinen - darunter Pioniere, die schon früh als niedergelassene Ärzte, Betriebsärzte, international anerkannte Vertreter der medizinischen Wissenschaft, als Rechtsanwalt, Staatsanwalt, Parlamentarier und politischer Aktivist gegen die Vergiftung der Lebenswelt von Ludwigshafen bis Hamburg-Moorfleet, von Vietnam bis zu den USA gekämpft haben und dies angesichts der anhaltenden Problematik bis heute tun.

ISBN 978-3-934377-24-0, 325 S. 3 Abbildungen. kartoniert. EUR 18.-

Auszüge aus Besprechungen von "Umwelt, Macht und Medizin"

"Karl-Rainer Fabig (1943-2005) war als Umweltmediziner ein, wenn nicht/ der /wissenschaftliche Pionier auf dem Gebiet der Wirkungsweise von Giftstoffen. Der vorliegende Sammelband enthält zunächst seine fünf letzten Veröffentlichungen, in denen er seine Erkenntnisse über die Zusammenhänge von Umweltgiften, Medizin und Macht zur Diskussion stellt, geleitet von seinem aus Adornos/ Negativer Dialektik /übernommenen philosophischen Motto: 'Leiden beredt werden zu lassen, ist Bedingung aller Wahrheit'. [...] Dieser Sammelband hebt sich von sonst üblichen Würdigungen eines Lebenswerks dadurch ab, dass er auch die wissenschaftlichen Zusammenhänge über Chemikalien und deren Wirkungen für alle gut verständlich aufzeigt und dadurch zur generellen Erkenntnis beitragen kann, dass das 'uns alle' angeht und dass politisch dringender Handlungsbedarf besteht."
Pia Paust-Lassen in Das Argument 276, 2008

"Seine ärztlichen Erfahrungen führten Fabig zu der Annahme, dass die Empfindlichkeiten von Menschen gegenüber chemischen Substanzen vor allem durch die unterschiedliche Entgiftungskapazität mittels bestimmter Enzyme bedingt seien. Er untersuchte dazu die genetische Disposition von etwa 600 Patienten mit unterschiedlichen Sensibilitäten gegenüber Alltags-Chemikalien [...]. Fehlten die Gene, die für die Ausprägung von drei an der Entgiftung beteiligten Enzymen verantwortlich sind, war die Sensibilität am größten. Fabig zog daraus den Schluß, dass die in Jahrmillionen bewährte Vielgestaltigkeit des für die Entgiftung zuständigen Fremdstoffwechsels bei immer mehr Menschen - und anderen Lebewesen - mit der zunehmenden Chemisierung der Umwelt nicht mehr verträglich ist."
Karl Otto Henseling in Forum Wissenschaft 25/3, 2008

"[...] Karl-Rainer Fabig (1943-2005) hat nicht nur als niedergelassener Arzt von 1977 bis 2005 in Hamburg gewirkt und sich dabei "in einer geradezu aufopfernden Weise" (Prof. Dr. Manz) um Patientinnen und Patienten gekümmert, die unter den Folgen chemischer Intoxinationen durch Holzschutzmittel in Innenräumen oder durch Dioxin am Arbeitsplatz sowie unter dem Multiplen Chemikalien-Sensitivitäts-Syndrom (MCS) litten. Er hat darüber hinaus "wesentlich zur Anerkennung und Weiterentwicklung der Umweltmedizin" (Dr. zum Winkel) beigetragen und hat sich als Gutachter in den Aufsehen erregenden Vorfällen um den Frankfurter Holzschutzmittelprozess und um die Schließung des Zweigwerks Hamburg-Moorfleet der Firma C.H. Boehringer Sohn wegen der Gefährdung der Mitarbeiter durch Dioxin einen Namen gemacht. Seine kritische Aufmerksamkeit galt zudem auch den schweren gesundheitlichen Schäden und Spätfolgen, die durch die Versprühung dioxinhaltiger Herbizide ("Agent Orange") zur Entlaubung des Dschungels während des Vietnamkrieges hervorgerufen wurden, hatte er doch schon früh Ähnlichkeiten in den Krankheitsbildern dioxingeschädigter Chemiearbeiter und der betroffenen Bevölkerung Vietnams analysiert.
Der Band besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil sind einige sonst schwer zugängliche Beiträge Fabigs zur Umweltmedizin veröffentlicht. Dem Arzt und Umweltmediziner sowie dem engagierten Gutachter und dem Kritiker des Vietnamkrieges sind die zahlreichen Beiträge, die im zweiten Teil des Bandes vereinigt sind, gewidmet. Die Spannweite der Themen ist dabei ebenso weit gefächert wie das Spektrum der Autorinnen und Autoren; es reicht von der Medizin und den Naturwissenschaften über Jurisprudenz und Politik bis zu den Sozialwissenschaften. Aus Hamburger Perspektive ist das ausführliche Interview mit dem Arbeitsmediziner Prof. Manz zu den Folgen der Dioxinvergiftung bei ehemaligen Boehringer-Mitarbeitern besonders interessant.
Mehrere Beiträge setzen sich kritisch mit den Umweltschäden und den gesundheitlichen Folgen für die Bevölkerung in Form von Krebs, Missbildungen und Erbgutschäden auseinander, die durch die während des Krieges über Vietnam versprühten dioxinhaltigen Herbizide hervorgerufen wurden und die bis heute fortwirken. Andere Beiträge behandeln die politischen, haftungs- oder sozialrechtlichen Probleme beim Umgang mit den Folgen gesundheitlicher Gefährdungen durch chemische Intoxinationen in der Umwelt und am Arbeitsplatz. Zum Schluss widmen sich mehrere Beiträge der Theorie und Praxis kritischer Wissenschaft im Hinblick auf das Verständnis der Zusammenhänge von Natur, Mensch und Gesellschaft und nehmen darin Bezug auf die von Fabig realisierte Einheit von wissenschaftlicher, praktischer und theoretischer Kritik gestörter Stoffwechselkreisläufe, wie z.B. Tjaden/Tjaden-Steinhauer betonen.
Dem lesenswerten Band, durch den dem Arzt und Umweltmediziner Karl-Rainer Fabig "nachträglich ein ehrendes Denkmal gesetzt wird" (Prof. Manz), ist [...] besondere Aufmerksamkeit zu wünschen."
Alfred Oppolzer in "Stadtpunkte, Aktuelle Informationen der HAG zur Gesundheitsförderung in Hamburg", 4/2007

"Der Band ist dem Umweltmediziner Karl-Rainer Fabig (1943-2005) gewidmet, der von 1977 bis 2005 in Hamburg als niedergelassener Arzt gewirkt hat, und der sich darüber hinaus große Verdienste um die Thematisierung und Erforschung chemischer Intoxinationen erworben hat. Er gilt als einer der Pioniere der Untersuchung gesundheitlicher Gefährdungen in Folge von Intoxinationen durch Holzschutzmittel in Innenräumen und an Arbeitsplätzen in der chlorchemischen Industrie ebenso wie durch die Versprühung von Herbiziden im Vietnamkrieg und durch Dioxin in der Umwelt. Die im ersten Teil des Bandes zusammengestellten Beiträge Fabigs zu diesen Themen belegen eindrucksvoll, dass er diese Fragen nicht allein aus wissenschaftlichem Interesse verfolgte, sondern dass er mit persönlichem Engagement auch den politisch-gesellschaftlichen Ursachen den Gefahren einer "Vergiftung der Welt" durch die "Chemisierung der Umwelt" nachging. Fabig beeindruckte offenbar nicht nur durch seine wissenschaftlichen Arbeiten und seinen persönlichen Mut, den er z.B. im Auftreten als Gutachter vor Gerichten und auf Tagungen immer wieder unter Beweis stellte, er konnte, den Aussagen in vielen Beiträgen dieses Sammelbandes zu Folge, auch als aufmerksamer Arzt überzeugen, der die Leiden tausender von Patienten zu lindern vermochte, darunter nicht zuletzt jene, die unter dem Multiplen Chemikalien-Sensitivitäts-Syndrom (MCS) litten.
Der Epidemiologe Rainer Frentzel-Beyme stellt in seinem Beitrag Fabig in eine Reihe mit den "klassischen Sozialmedizinern und Armenärzten der Weimarer Republik" (S. 145). Der Vorsitzende des Ausschusses Umweltmedizin der Ärztekammer Hamburg, Albrecht zum Winkel, betont in seinem Geleitwort unter anderem die wesentliche Rolle, die Fabig "für die Anerkennung und Weiterentwicklung der Umweltmedizin" gehabt habe und betont, dass er "wesentlich zur wissenschaftlichen Basis der Faches Umweltmedizin beigetragen" habe (S. 8). Der Hamburger Arbeitsmediziner Alfred Manz charakterisiert in einem Interview Karl-Rainer Fabig, mit dem er in Zusammenhang mit dem Boehringer-Skandal in Kontakt gekommen war: "Ich hatte festgestellt, dass sich dieser Arzt in einer geradezu aufopfernden Weise speziell um die durch Dioxine, aber auch durch andere Industriegifte geschädigten Menschen kümmerte. Er leistete diesen Beistand meist unentgeltlich und über die von einem praktischen Arzt zu erwartenden Hilfen hinaus. Dabei verfügte er über ein gediegenes Fachwissen über die bei solchen Vergiftungen ablaufenden pathophysiologischen Vorgänge. Insgesamt verkörperte er damit das Idealbild eines Arztes. Viele der ehemaligen Boehringer-Mitarbeiter fanden hier ihre seelische Hilfe und gewannen durch seinen Beistand wieder Selbstvertrauen und mut zum Leben. (...) Ich bedaure, dass ihm zu Lebzeiten von offizieller Seite nicht jene Anerkennung zuteil wurde, die er verdient hätte. (...) Ich begrüße es deswegen ganz besonders, dass Herrn Kollegen Fabig mit diesem Buch nachträglich ein ehrendes Denkmal gesetzt wird." (S. 196 f.)
Der Band, der sich mit dem ärztlichen, wissenschaftlichen und politischen Handeln Karl-Rainer Fabigs beschäftigt, lässt sich in zwei Teile gliedern. Im ersten Teil finden sich fünf zentrale Veröffentlichungen bzw. Vorträge von Karl-Rainer Fabig aus den letzten Jahren sowie ein Verzeichnis seiner Schriften und einige biographische Notizen (von Günter Giesenfeld). Der zweite Teil beinhaltet zahlreiche Beiträge, die in ihrer inhaltlichen Ausrichtung im Wesentlichen die verschiedenen Arbeitsschwerpunkte Fabigs reflektieren. Die Spannweite der Themen ist dabei ebenso weit gefächert wie das Spektrum der Autorinnen und Autoren, es reicht von der Medizin und den Naturwissenschaften über Jurisprudenz und Politik bis zu den Sozialwissenschaften.
Eine erste Gruppe von Beiträgen befasst sich mit Fabigs medizinischen Untersuchungen zur neurotoxikologischen Kontamination auf Grund von Innenraum- und Arbeitsplatzbelastungen sowie zur Multiplen Chemikalien-Sensitivität (MCS). Interessant im Hinblick auf das politisch-gesellschaftliche Spannungsfeld, innerhalb dessen sich die Thematisierung solcher Probleme bewegt, sind zum einen das Interview mit ehemaligen Beschäftigten des Zweigwerks Hamburg-Moorfleet der Firma C.H. Boehringer Sohn, das 1984 geschlossen wurde, nachdem die gesundheitlichen Schädigungen durch Dioxin bei der Herstellung von Insektiziden und Herbiziden bekannt und in der Öffentlichkeit zum Skandal geworden waren und zum anderen das Interview mit dem Arbeitsmediziner Prof. Dr. Manz, der 1987 im Auftrag des Hamburger Senats die Beratungsstelle für die ehemaligen Mitarbeiter dieses Werkes aufgebaut hatte und anschließend eine ganze Reihe von einschlägigen Untersuchungen durchgeführt hat.
Eine zweite Gruppe von Beiträgen befasst sich mit den Wirkungen der dioxinhaltigen Herbizide, die während des Vietnamkrieges von den US-Streitkräften in Vietnam in der Absicht versprüht wurden, die dichte Vegetation des Dschungels zu zerstören, um dem Gegner die Deckung zu nehmen und ihn besser treffen zu können. Durch diesen Angriff auf die Ökosysteme Vietnams ("Ökozid") wurde indes nicht nur der Anbau von Reis, Kokos und Gemüse vielfach zerstört, sondern es kam darüber hinaus zu akuten Gesundheitsschäden bei der betroffenen Bevölkerung sowie zu schweren gesundheitlichen Spätfolgen z.B. in Form von Krebs, Missbildungen und Erbgutschäden. Diese Fragen werden durch mehrere kritische Beiträge in dem Band aus medizinischer und biologischer sowie aus rechtlicher und politischer Perspektive exemplarisch thematisiert. Fabig hatte schon früh die Ähnlichkeiten zwischen den neurologischen und neuropsychologischen Krankheitsbildern dioxingeschädigter Chemiearbeiter und der in Folge der in Vietnam versprühten Giftstoffe erkrankten Betroffenen analysiert und diese Folgen des Vietnamkrieges in zahlreichen Vorträgen und Kommentaren kritisiert.
Die dritte Gruppe von Beiträgen des Sammelbandes behandelt die juristischen und politischen Probleme beim Umgang mit den Folgen gesundheitlicher Gefährdungen durch chemische Intoxinationen. Interessant ist in diesem Zusammenhang z.B. der Beitrag des Bundestagsabgeordneten Horst Peter über die parlamentarische Diskussion einer Petition zu den Folgen eines Dioxinunfalls in einem chemischen Betrieb. Eindrucksvoll ist auch der Beitrag des federführenden Staatsanwalts Erich Schöndorf in dem Aufsehen erregenden Frankfurter Holzschutzmittelprozess, der nicht nur die mutige Rolle Fabigs als Gutachter würdigt, sondern der vor allem auf die Schwierigkeiten der Justiz eingeht, den geschädigten Betroffenen "gerecht" zu werden. Die Situation der Betroffenen schildert eindringlich der Beitrag von Peter Binz, der die Probleme einer vielfach unzureichenden sozialrechtlichen Würdigung der existenziellen Bedrohungen, die von gesundheitlichen Schädigungen durch giftige Stoffe am Arbeitsplatz ausgehen, an bedrückenden Fallbeispielen beklagt.
Schließlich widmen sich mehrere Beiträge der Theorie und Praxis kritischer Wissenschaft im Hinblick auf das Verständnis der Zusammenhänge von Natur, Mensch und Gesellschaft und nehmen darin Bezug auf die von Fabig realisierte Einheit von wissenschaftlicher, praktischer und theoretischer Kritik gestörter Stoffwechselkreisläufe sowie auf Überlegungen zu einer Kritik der "Nichtangemessenheit gesellschaftlicher Verhältnisse bezüglich grundlegender Selbsterhaltungsbedürfnisse" (Tjaden) von Mensch und außermenschlicher Natur. Dazu gehören der Beitrag von Antje Bultmann mit seinem Plädoyer für eine "transparente und lebensfreundliche Wissenschaft und Technik" ebenso wie die Hinweise von Rolf Czeskleba-Dupont auf die Bedeutung Fabigs im Rahmen neuerer Ansätze einer "post normal science" im europäischen Verbund sowie insbesondere die Überlegungen von Margarete Tjaden-Steinhauer und Karl Hermann Tjaden, die am Beispiel der Problematik toxischer Chemikalien einen interdisziplinären Bezugsrahmen für das Verständnis der Wechselwirkungen und Zusammenhänge zwischen "menschlichen Lebenswelten, außermenschlicher Natur und gesellschaftlichen Verfügungsgewalten" skizzieren, auf den Karl-Rainer Fabig in seinen letzten Vorträgen ausdrücklich Bezug nahm.
Dem überaus lesenswerten und gut lesbaren Band, der eine Fülle von Beiträgen kritischer Wissenschaft und Praxis vereinigt, ist eine möglichst weite Verbreitung zu wünschen. [...]
Alfred Oppolzer in "Gesunde Arbeit info", Dezember 2004

"Das Buch ist eine Hommage an Karl-Rainer Fabig, den Hamburger Arzt und Umweltmediziner, der 2005 plötzlich im Alter von 61 Jahren verstarb. Fabig war Arzt aus Berufung, ein Pionier der Umweltmedizin und ein Philanthrop. Er engagierte sich in der medizinischen Praxis und Wissenschaft sowie als politischer Zeitgenosse. Solidarisch und couragiert setzte er sich unermüdlich für Umweltkranke ein, auch weit über Hamburgs Grenzen hinaus. [...] Freunde und Mitstreiter von Karl-Rainer Fabig würdigen mit der vorliegenden Textsammlung sein Lebenswerk. Faktenreich schildern Fabig selbst und medizinische Kollegen sowie andere Naturwissenschaftler, Juristen, Soziologen, politisch Aktive und Patienten den Umwelt-Sachstand. [...] Somit ist das Buch nicht nur ein Angedenken an Karl-Rainer Fabig, sondern auch ein Zeitdokument von hohem gesellschaftspolitischen Wert. Es ist ein Zeugnis dafür, wie sich die industrielle Giftproduktion im Dienste des Fortschritts vielfach zum geheiligten Mittel von Macht- und Profitgier entwickelt hat. [...] Vielfältig und detailliert präsentieren die Autoren das Umweltthema, so dass es auch für Sachkundige noch Neues zu entdecken gibt. Die Texte sind schnörkellos, frei von Larmoyanz, keine Streitschrift, sondern sachliche Dokumentation und in dieser Schlichtheit besonders eindringlich und von emotionaler Kraft. Ein leises Buch, das mit aller Macht die Trommel rührt."
Regina Nowack in "umwelt-medizin-gesellschaft" 2/2007

"Das Buch enthält 30 Einzelaufsätze. [...] Das thematisch Verbindende der Aufsätze ist die Beeinträchtigung beziehungsweise die Verschmutzung von Menschen und Umwelt durch den zivilen und militärischen Einsatz von chemischen und radioaktiven Stoffen. Drei Themengebiete zu dieser Problematik prägen das Buch. Die Versprühung von Herbiziden zwischen 1961 und 1969 über Vietnam mit ihren bis heute nachwirkenden Folgen auf die Menschen, [...] die Auswirkungen von Giftstoffen am Arbeitsplatz, zum Beispiel die Auswirkungen von Unfällen in Chemieunternehmen und die Kontamination mit Dioxin [...]. Ein dritter Aspekt behandelt das Fabigsche Arbeitsgebiet Multiple Chemikaliensensitivität und Umweltmedizin. [...] Abgerundet wird der Band durch Beiträge, die den Zusammenhang von Mensch, Umwelt, Medizin und Macht beleuchten. [...] Die Eindringlichkeit des Buches entspringt nicht allein der Bandbreite der Aufsätze und der Kompetenz der einzelnen Beträge. Das Verbindende ist die Orientierung an einem beispielhaften Menschenleben, das viel zu kurz war. [...]"
Stefan Kühner in "Vietnam Kurier" 2/2007

"Erich Schöndorf, als Staatsanwalt Ankläger im damals berühmten Frankfurter Holzschutzmittel-Prozeß, hofft auf eine Zeit, in der man Straßen und Plätze nach dem heute weitgehend unbekannten Arzt Karl-Rainer Fabig (1943-2005) benennen werde. Die Vision ist kühn [...]. Man wird sich auf Emailleschilder für Gerhard Schröder und Joseph Fischer einstellen müssen. Aber Fabig? Auskunft über diesen Arzt gibt ein Band, der nicht in erster Linie biographisches Interesse beansprucht, sondern über einige beunruhigende stoffliche Aspekte kapitalistischer Entwicklung informiert. [...]
Zunächst zur Person: Fabig, in einem hessischen Dorf geboren und aufgewachsen, studierte Medizin, war in Hamburg SDS-Vorsitzender, arbeitete nach dem Examen im Krankenhaus St. Georg und übernahm dann 1977 eine Praxis, die er bis zu seinem Tod führte. Karriere: keine. Selbst zu einer Promotion hatte er offenbar keine Lust. Stattdessen hat er - anders als seine Kollegen, die während ihres Examens eine Reihenuntersuchung auswerten und dafür einen Doktortitel bekommen - sein Leben lang geforscht.
Der Sieg im Volkskrieg war längst abgefeiert, als in den späten siebziger Jahren die Folgen der US-amerikanischen Entlaubungsaktionen mit dem Herbizid Agent Orange für die Gesundheit der Bevölkerung größere Aufmerksamkeit erregten. [...] Fabig, in der Vietnam-Solidarität aktiv, sah die Opfer vor Ort: Mißbildungen. Ende der siebziger Jahre eskalierte der Hamburger Giftmüll- und Dioxinskandal, in dem die Pestizidfabrik Boehringer eine wichtige Rolle spielte. Fabig stand Arbeitern dieses Betriebes, der 1984 geschlossen werden mußte, als Arzt und als Gutachter bei. 1984 erstattete eine Interessengemeinschaft der Holzschutzmittel-Geschädigten Strafanzeige gegen Unbekannt wegen "Körperverletzung in Zusammenhang mit der Herstellung und dem Vertrieb toxischer Holzschutzmittel". Karl-Rainer Fabig war auch hier Gutachter.
In seiner Praxis führte er mit Patientinnen und Patienten eine umfängliche Befragung zur Belastung durch Alltagschemikalien durch [...]. Die Auswertung gab Aufschluß über die schädlichen Wirkungen verschiedener Stoffgruppen und von Gegenständen des täglichen Gebrauchs. [...] In seinen Untersuchungen kam Fabig zu folgenden Ergebnissen: Erstens: Wenn mehrere schädliche Substanzen auf einen menschlichen Organismus einwirken, kann dieser auch dann chronisch erkranken, wenn das Vorhandensein jedes einzelnen Stoffes unterhalb des für diesen jeweils festgesetzten Grenzwerts liegt: Multiple Chemical Sensitvity (MCS). Zweites: Daß Menschen tatsächlich verschieden auf die gleichen Chemikalien reagieren, liegt an ihrer jeweiligen genetischen Ausstattung. Einige entgiften schnell, andere langsam oder nie. [...]
Bei einigen Linken war Fabig zeitweilig gar nicht gut gelitten, denn allein die Beschäftigung mit Genetik erschien ihnen suspekt. Fabig war Fachmann, aber kein Fachidiot. Seine Ergebnisse verwiesen ihn tatsächlich auf die Gesellschaft. Wie mancher gute Naturwissenschaftler traute er - wohl in einer Art Projektion - den Wissenschaften, die sich mit dieser befassen, die gleiche Leistungsfähigkeit zu wie seiner eigenen Arbeit. Er zeigte damit implizit, was zu tun sein wird, falls sie irgendwann einmal ihre vorkopernikanische Phase überwinden sollten."
Georg Fülberth in "Konkret" 10/2007

"Welche Funktionen können einem solchen Sammelwerk zukommen, das bei aller Vielfalt seiner Beiträge doch einen einheitlichen Blickpunkt hat, nämlich das praktische und theoretische Problem der modernen Vergiftung der Lebenswelt? Wir denken und hoffen, dass das Buch drei nützliche Zwecke erfüllen kann. Erstens könnte es dazu beitragen, das Selbstbewusstsein, den Gedankenaustausch und die wechselseitige Hilfestellung von Menschen, die unter chemikalienassoziierten Krankheiten leiden, über die schon entwickelten vielfältigen Vernetzungswirkungen hinaus weiter zu fördern; und vor allem könnte es mithelfen, endlich die öffentliche Anerkennung dieser Leiden als gesellschaftlich erzeugte und zu verantwortende Übel zu erringen. Nicht zuletzt wäre dafür auch hilfreich, wenn das Buch - zweitens - dahingehend Wirkungen entfalten könnte, das immer noch herrschende gesellschaftliche Bewußtsein infrage zu stellen, das sog. Wirtschaftswachstum sei schließlich ohne gravierende destruktive stofflich-energetische Effekte machbar. Anders gesagt, wenn es die Einsicht fördern würde, dass es der gesellschaftlichen Wohlfahrt willen eines systematischen Rückbaus der schadstoffträchtigen Installationen und der schadstoffhaltigen Artefakte unserer Wirtschaftsweise bedarf, wenn die vorhandenen Umwelt- und Gesundheitsgefahren eingedämmt werden sollen - was freilich nicht nur und vielleicht noch nicht einmal in erster Linie deshalb extrem schwierig ist, weil hier Kapitalinteressen tangiert werden, sondern auch und nicht zuletzt wegen des Weiterwirkens bereits akkumulierter Altlasten und bereits erfolgter Verwüstungen unserer Lebenswelt. Drittens könnte sich dieses Buch - und das wäre zu wünschen - dadurch als nützlich erweisen, dass es Gesellschafts-, Wirtschafts- und Geisteswissenschaftler/innen darauf aufmerksam macht, dass die Welt, in der wir leben. unsere Erde ist, deren Natur wir samt unserer Geistestätigkeit angehören. Deshalb müssen auch die Gegenstände unserer Wissenschaften und unser wissenschaftliches Nachdenken über diese Welt ohne Beachtung ihrer natürlichen (somit auch ihrer stofflichen) Beschaffenheiten und Bedingungen abstrakt bleiben. [...]"
Margarete Tjaden-Steinhauer/Karl Hermann Tjaden in "Forum Wissenschaft" 2/2007

Weitere Informationen:
Freundschaftsgesellschaft Vietnam

Internet-Netzwerk Safer World

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